Historische Woche in Oberschlesien

vom 28. Mai bis 1. Juni 2018

Wer glaubt, dass die Erforschung der oberschlesischen Geschichte zumindest von deutscher Seite vor dem Ende steht, wurde Ende Mai 2018 eines anderen belehrt. In der Woche vom 28. Mai bis zum 01. Juni 2018 führte die Historische Kommission für den Kreis Neustadt/OS (HKKNOS) im Rahmen einer „Historischen Woche“ in Oberschlesien intensive Forschungsarbeiten in schlesischen Archiven und eine Reihe von Veranstaltungen durch. Insgesamt acht Mitglieder der HKKNOS reisten aus Deutschland nach Oberschlesien an. Vor Ort trafen zudem zahlreiche in Polen wohnende Mitglieder unseres Vereines zu den Vernstaltungen hinzu. An den Vormittagen vom Montag bis Mittwoch wurden Forschungen in den Staatsarchiven in Oppeln und Breslau, wie auch in verschiedenen Pfarrarchiven, durchgeführt. Spätnachmittags fanden zudem unterschiedlichste historische Vortragsveranstaltungen statt.

Am Dientag, den 29. Mai, fand spätnachmittags im Kulturhaus in Kerpen ein Vortrag von Prof. Dr. Ralph Wrobel mit dem Titel “750 Jahre Kerpen” statt. Diese, durch das Regionalmuseum Oberglogau mit dem Direktor und unserem Vereinsfreund Aleksander Devosges-Cuber an der Spitze oranisierte Veranstaltung, zog viele interessierte Einwohner von Kerpen und von auĂźerhalb an. Prof. Wrobel präsentierte anschaulich die beinahe 800-jährige Geschichte des Heimatortes seiner Vorfahren, stellte interssante Ergbebisse seiner Forschungsarbeiten zu dem Thema vor, wie auch noch unerforschte Themefelder. Insbesondere zu Themengebieten bezĂĽglich der lokalen Geschichte des 20. Jahrhunderts bat er die anwesenden Teilnehmer um Hilfe bei seinen Forschungen, was zahlreiche RĂĽckmeldungen, Diskussionen und regen Informationsaustausch insbesondere seitens der älteren Bewohner des Ortes nach sich zog. Prof. Wrobel versprach, zum 750-jährigen Jubiläum der Ersterwähnung des Dorfes in sechs Jahren, eine Ortschronik fertigstellen zu wollen.

Der folgende Mittwochabend war der Vorstellung des bereits 10. Bandes der Landeskundlichen Schriftenreihe der HKKNOS, dem Buch „Die Altkreise Zülz und Neustadt im Karolinischen Steuerkataster von 1722/26“ gewidmet. Diese Veranstaltung wurde von unseren Freunden des Museums des Neustädter Landes in Neustadt, Dr. Wojciech Dominiak und Herrn Marcin Husak, hervorragend vorbereitet und organisiert. So fanden sich die Mitglieder der HKKNOS aus beiden Ländern, wie auch interessierte Bürger aus der Neustädter und der Zülzer Gegend im großen Raum des Zentrums der Webertraditionen im Museum des Neustädter Landes in Neustadt ein, wo Prof. Wrobel über die Entstehungsgeschichte des Werkes, die Quelle selbst und die mühevolle Arbeit an dem Buch berichtete. Dabei stellte er fest, dass nun, zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes des Karolinischen Steuerkatasters „Der Altkreis Oberglogau im Karolinischen Steuerkataster von 1722/26“, die HKKNOS diese Quellenpublikation mit einem zweiten Band über die Dörfer der Altkreise Zülz und Neustadt sowie der Stadt Zülz vervollständigt hat. Auch sei dieser Band in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Zum einen vervollständigt er die Angaben zu den Dörfern des ehem. Kreises Neustadt/OS. Zum anderen veröffentlicht die HKKNOS damit erstmalig mit Zülz das Steuerkataster einer oberschlesischen Stadt.

Am Fronleichnahmsfeiertag, Donnerstag, dem 31. Mai, fand ab 15.00 Uhr in Körnitz die Vorstellung des Buches von Andreas Smarzly „Oberschlesisches Dorfleben ĂĽber 100 Jahre im Bild – Historische Fotografien aus Körnitz“ statt. Die Herausgabe des knapp dreihundert Seiten starken Werkes mit 620 historischen Fotos wurde insbesondere mit finanzieller UnterstĂĽtzung der Historischen Kommission fĂĽr den Kreis Neustadt/OS, aber auch seitens des Landratsamtes Krappitz, der Gemeinde Krappitz und der Ortsgemeinde Körnitz herausgegeben. Zudem beschaffte der Ortsgemeinderat, mit dem Ortsvorsteher Ewald Tomala und dem Schuldirektor und Kreistagsmitglied Ryszard Reszczynski an der Spitze, Mittel fĂĽr die Ausrichtung eine Festes, an dem mehrere hundert Besucher der Veranstaltung mit kostenfreiem schlesischem Kuchen, Kaffee und GrillwĂĽrstchen beköstigt wurden. Aufgrund der o.g. finanziellen UnterstĂĽtzung des Kreises, der Gemeinde und der Ortsgemeinde bekamen alle Einwohner von Körnitz zudem ein Exemplar des Buches kostenlos ausgehändigt. In Anwesenheit u.a. des BĂĽrgermeisters der Stadt- und Gemeinde Krappitz, Herrn Andrzej Kasiura, des Vorstandsmitglieds der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, Frau Zuzanna Donath-Kasiura, des Kreistagsabgeordneten Herrn Georg Mikus, des frĂĽheren Gemeindevorstehers von Walzen und unserers Vereinsfreundes Peter Mitschka, des Ortspfarrers Josef Niedziela, unserer Freunde vom Deutschen Freundschaftskreis Körnitz, örtlicher Vereine, zahlreicher Mitglieder der HKKNOS, eines GroĂźteils der Einwohner von Körnitz, wie auch zahlreicher Besucher aus nah und fern, fand beim sommerlichen Wetter ein wunderbares Volksfest statt, an dem das Buch ĂĽberwältigenden Absatz fand. In kurzen Ansprachen begrĂĽĂźten Direktor Reszczynski und BĂĽrgermeister Kasiura alle Gäste und hoben die Wichtigkeit und Besonderheit von Publikationen wie dieser hervor, welche fĂĽr das Kennenlernen der eigenen Geschichte und die Bewahrung und Stärkung der oberschlesischen Indentität vom unschätzbaren Wert sei. Prof. Wrobel stellte daraufhin die aktuellen Aktivitäten der HKKNOS den Anwesenden vor und Andreas Smarzly berichtete ĂĽber die rund zwei Jahrzehnte andauernde Sammelarbeit der fĂĽr das Buch erforderlichen historischen Fotografien, sowie ĂĽber die Schritte, die letztlich zur Entstehung des Buches fĂĽhrten. Dabei bedankte er sich vor allem fĂĽr die unermeĂźliche Hilfe, die Andrea Smolarz zur Entstehung des Werkes beigetragen hat, wie auch bei all den edlen Spendern, die ihre privaten Fotoalben fĂĽr diese Arbeit zur VerfĂĽgung gestellt haben. Das wunderbare Fest wurde abgerundet von phantastischen Auftritten der Schulkinder aus Körnitz, welche Lieder und Gedichte in deutscher, polnischer und oberschlesischer Sprache vortrugen, wie auch des Gesangsvereins „Körnitzer Stimme“, der mit traditionellen und neuen Liedern das Fest zusätzlich bereicherte.

Parallel zu der Veranstaltung in Körnitz fand in Friedersorf eine Veranstaltung unserer Vereinsfreundin, des Vorstandsmitglieds der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, Róza Zgorzelska, und von Dr. Wojciech Dominiak vom Museum des Neustädter Landes statt, während welcher das Buch „Ein Blick durch die Gardine. Multikulturalität Oberschlesiens am Beispiel des Neustädter und des Leobschützer Kreises“ vorgestellt wurde. An diesem Werk, das nun in seiner zweiten Auflage zweisprachig erschienen ist, haben auch Prof. Ralph Wrobel und Andreas Smarzly als Autoren mitgewirkt.

Den krönenden Abschluss fand die „Historische Woche“ der HKKNOS mit der Konferenz zum Thema „Oberschlesischer Landadel an der Schwelle zur Neuzeit: Herkunft, Bedeutung und Niedergang (1428 – 1648)“. Die Konferenz, welche die HKKNOS gemeinsam mit dem Regionalmuseum von Oberglogau durchführte, fand am Freitag, dem 01. Juni im großen Sitzungssaal des Museums, im ehemaligen Stockhausturm statt. Die Reihe eröffnete Herr Kamil Adamus vom Diözesanmuseum in Oppeln mit einem Referat zum Thema „Herzog Bolko V. und die Hussitenbewegung in Schlesien“. Anschaulich stellte er das Leben, das familiäre Umfeld und vor allem das politische Wirken des Fürsten von Oberglogau, Oppeln und Ratibor vor. Unter dem Aspekt „Herkunft des oberschlesischen Landadels“ hielt Dr. Joachim Himanek (HKKNOS) den Vortrag „Die Familie Larisch: Von Gläsen über Ellguth nach Karwin“. Dr. Himanek konnte dabei den Anwesenden der Wissenschaft bisher unbekannte Dokumente präsentieren, die er im Staatsarchiv Brünn gefunden hatte und die ein neues Licht auf die Geschichte des o.g. Adelsgeschlechtes werfen, welches im Mittelalter die ersten Vögte von Oberglogau stellte und später in die höchsten Ränge des Reichsadels avancierte. Mit dem Vortrag „Die Familie Strzela von Dielaw auf Müllmen als Förderer der Reformation“ trug Prof. Dr. Wrobel (HKKNOS) zur Diskussion über das reformatorische Wirken des oberschlesischen Landadels bei. Den zahlreich erschienenen Zuhörern, die u.a sogar aus Bayern, wie auch aus Hindenburg in Ostoberschlesien angereist waren, präsentierte Prof. Wrobel Hinweise auf ein deutlich stärkeres Vordringen der Reformation im Oberschlesien links der Oder als allgemein bisher angenommen.

Nach der Mittagspause hielten Andreas Smarzly (HKKNOS) und der Direktor des Regionalmuseums von Oberglogau Aleksander Devosges-Cuber ihre Vorträge über die regionale und überregionale Bedeutung des oberschlesischen Landadels. In seinem Vortrag „Die Familie Lassota von Steblau und ihre politische Wirkung auf regionaler wie internationaler Ebene“ stellte Andreas Smarzly den Teilnehmern der Konferez mit dem Kanzler Nikolaus Lassota von Steblau und dem kaiserlichen Diplomaten Erich Lassota von Steblau zwei Mitglieder des genannten Geschlechts vor, die eng mit dem oberglogauer Land verbunden waren und im 16. Jahrhundert in den Fürstentümmern Oppeln und Ratibor wie auch auf dem europäischen Parkett immense politische Wirkung entfaltet haben. Aleksander Devosges Cuber referierte wiederum über die „Oberglogauer Stiftungen von Johann (1514-1584) und Georg Maximilian (um 1547-1607) von Oppersdorff“. Dabei stellte er die dynastischen Verbindungen des Oppersdorffschen Geschlechtes und ihre kulturhistorischen Leistungen dar.

Im letzten Vortragsblock unter dem Oberbegriff „Ausdifferenzierung des oberschlesischen Landadels“ hielt zunächst Frau Ewa Kalbarczyk-Kłak vom National Heritage Institute in Oppeln einen Vortrag zum Thema „Erhaltungszustand von Adelsresidenzen aus dem 16. und 17. Jahrhundert in den südlichen Gebieten des ehemaligen Oppelner Herzogtums“. Die Referentin konzentrierte sich dabei insbesondere auf die im Kreis Neustadt gelegenen Schlösser Wachtel Kunzendorf, Wiese Gräflich und Rosnochau. Sie stellte aber auch die Residenz der Familie von Pruskovsky in Proskau vor. Den letzten Vortrag hielt Peter Ernst (HKKNOS) zum Thema „Die Vertreibung der protestantischen Landadeligen im Zuge der Gegenreformation im Dreißigjährigen Krieg“. Wie er deutlich machte, kam es während des Dreißigjährigen Krieges zu einem Wandel vom militärisch orientierten zu einem verwaltungstechnisch verantwortlichen Landadel. Wirtschaftlich starke und dem katholischen Haus Habsburg nahestehende Familien wie z.B. die von Oppersdorff verdrängten den vom Krieg und der Gegenreformation stärker betroffnen – teilweise protestantischen – Landadel.

Alle Vorträge, Reden und Vorstellungen, sowohl an diesem Tag in Oberglogau, als auch während der Veranstaltungen in Neustadt und in Körnitz wurden von unserer zuverlässigen Agnieszka Skrzypulec absolut proffessionell konsekutiv in die deutsche bzw. in die polnische Sprache übersetzt. Die diesjährige „Historische Woche“ der HKKNOS fand neben einem großen Interesse seitens der orstansässigen Bevölkerung auch ein breites Echo in der lokalen Presse. So berichtenen allen namhaften Zeitungen und Blätter der Region über unsere Veranstaltungen; wie „Tygodnik Prudnicki“, „Życie Głogówka“, „Tygodnik Krapkowicki“, „Panorama Bialska“, „Nowiny Krapkowickie“ und auch die überregionale Zeitung der Deutschen in Polen das „Wochenblatt“. Zu dem begleitete ein dreiköpfiges Team der Produktionsgesellschaft Pro Futura mit der Kamera unsere Veranstaltungen. Dabei wurde eine Kurzreportage über unsere Tätigkeit gedreht, die in der zweisprachigen Sendung „Schlesien Journal“ in den polnischen TV-Sendern: TVP3 Katowice, TV Silesia (TVS) und TVP3 Opole ausgestrahlt wurde und inzwischen auch auf You Tube abrufbar is.

Zahlreiche Fotos, die von verschiedenen Fotografen anlässlich der „Historischen Wochen“ angefertigt wurden, wie auch einige der erschieneen Presseartikel sind für die Mitglieder der HKKNOS auf unserer Cloud zugänglich.

Somit blicken wir erneut auf eine erfolgreiche Woche in Oberschlesien und eine sehr schöne Zeit mit unseren Mitgliedern und Freunden aus Polen zurück. Vor allem freuen wir uns, dass die Früchte unserer Arbeit von einem breiten Publikum in Schlesien mit einem derart großen Interesse aufgenommen werden. Unvergesslich bleiben aber auch die wunderbaren sommerlichen Abende im Hotel „Salve“ in Oberglogau und im Hotel „Piast“ in Oppeln, wo die Teilnehmer aus Deutschland übernachteten und mit orstansässigen Freunden, bei leckerer schlesischen Küche, gutem polnischen Bier und bei mehr oder weniger tiefgründigen Gesprächen, die intensiven, arbeitsreichen und ausgefüllten Tage jeweils Revü passieren ließen.

 

Bericht in “Schlesien heute”, Ausgabe 7/2018:

 

Links:

www.youtube.com/watch?v=YDGd4QhBsTQ

http://wochenblatt.pl/es-gibt-noch-viel-zu-erforschen-video/

http://terazprudnik.pl/2018/05/30/kopalnia-informacji-w-bialsko-prudnickim-katastrze-karolinskim/

http://terazprudnik.pl/2018/06/02/hkknos/ O górnośląskim ziemiaństwie i jego siedzibach

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1570614366394871.1073741905.244249939031327&type=1&l=a9c1011183

https://www.facebook.com/pg/kornica1/photos/?tab=album&album_id=858189867712662

https://www.facebook.com/pg/%C5%BBycie-G%C5%82og%C3%B3wka-586981721436483/photos/?tab=album&album_id=1266541160147199