Bericht ĂŒber die 12. Studienfahrt „Von Krakau nach Neustadt/OS: Studienfahrt durch Kleinpolen und Oberschlesien“

Im JubilĂ€umsjahr des 30-jĂ€hrigen Bestehens der Historischen Kommission fĂŒhrte diese in den Tagen vom Sonntag, 30. August, bis Sonntag, 6. September 2015, ihre 12. Studienfahrt unter dem Motto: „Von Krakau nach Neustadt/OS: Studienfahrt durch Kleinpolen und Oberschlesien“, durch.

An der vom Prof. Ralph Wrobel, Andreas Smarzly, Rosmarie Matulla und Peter Mitschka organisierten Reise, nahmen insgesamt 32 Personen teil. Mit einem komfortablen Bus der Fa. Osburg, an dessen Steuer wieder unser erfahrener Fahrer Olav saß, ging es am Sonntag von Wadersloh, ĂŒber Kassel, Erfurt und Dresden nach Krakau. SpĂ€t abends kehrte die Reisegesellschaft im Hotel Royal, im Zentrum der alten polnischen Königstadt, ein.

Am Montag besichtigte die Gruppe zunĂ€chst das, unweit der polnischen Metropole gelegene Benediktinerkloster Tyniec, das vor rund neun TyniecJahrhunderten gegrĂŒndet wurde. Danach ging es ins Zentrum der ehemaligen königlichen Macht, auf den Wawel, wo neben dem Königsschloss auch die Kathedrale liegt, in der zahlreiche ehemalige polnische Herrscher ruhen. Nach einer gemĂŒtlichen Schifffahrt bei hochsommerlichen Temperaturen auf der Weichsel, fĂŒhrte uns die ortskundige StadtfĂŒhrerin Agnieszka Czarnecka an die sehenswertesten Orte der Krakauer Altstadt; die Marienkirche mit dem weltberĂŒhmten Altar von Veit Stoß, die Tuchhallen, den Marktplatz, dasKrakauWawel Collegium Maius, etc. Nach einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant „Bohema“, genossen wir bis spĂ€t Nacht den Ausklang eines heißen Sommertages auf dem Krakauer Ring, der von KĂŒnstlern, Gauklern, HĂ€ndlern, Studenten, Reisenden aus aller Welt und anderen Liebhabern der Nacht bevölkert wurde.

Am nĂ€chsten Tag ging es tief ins Kleinpolen hinein. ZunĂ€chst besuchten wir die einstige galizische Metropole TarnĂłw (dt. Tarnau), die derart von EinflĂŒssen der einstigen KuK-Donaumonarchie geprĂ€gt wurde, dass man sie bis heute noch sehnsuchtsvoll als „Klein Wien“ bezeichnet. Neben dem Besuch des einzigartigen „EthnoTarnowgraphischen Museums“, in dem die Geschichte und Kultur der in Polen auch heute noch als „Cyganie/Zigeuner“ bezeichneten Völker (von denen in Polen vorwiegend die „Roma“ bekannt sind) vorgestellt wird, beeindruckte insbesondere der schöne Ring (Marktplatz) von TarnĂłw.

Von hier aus ging es nachmittags zu der grĂ¶ĂŸten Residenzfestung aus der Barockzeit in Polen, dem Schloss der Familie Lubomirski in Nowy Wiƛnicz. Neben alter Originaleinrichtung der Festung, fand sich hier auch eine wunderbare Deckenverkleidung, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem schlesischen Schloss FĂŒrstenstein hierher verbracht wurde. Den letzten Programmpunkt an diesem Tag bildete der Besuch einer SchrothNowyWisniczolzkirche aus dem 15. Jahrhundert in Lipnica Murowana, deren UrsprĂŒnge auf das 12. Jahrhundert zurĂŒck gehen und in welcher mittelalterliche Innenwandmalereien und AltĂ€re aus der Erbauungszeit bestaunt werden konnten. Danach folgte ein leckeres Abendessen im Restaurant „Piwnica pod kominkiem (Keller unterm Kamin)“ und ein gemĂŒtlicher Abend auf dem pulsierenden Marktplatz von Krakau bei Bier und anderen Leckereien.

Am Mittwoch brachen wir zuerst in die Zips auf, eine Region im Norden der Slowakei und im SĂŒden Kleinpolens, die bis in die 1920er Jahre zum Königreich Ungarn gehörte. Auf der Burg in Niedzica (dt. Netzdorf), die einst als NiedzicaGrenzfestung des magyarischen Königreiches gegen Polen funktionierte, wandelten wir auf Spuren alter ungarischer Landgrafengeschlechter, einer bis in die 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts leibeigenen Landbevölkerung, sowie des Zipser „Robin Hood“ JĂĄnoĆĄĂ­k, eines slowakischen Nationalhelden, der im 17. Jahrhundert „den Reichen nahm und den Armen gab“. Dem folgte ein Spaziergang auf dem unweit gelegenen Staudamm am Czorsztyn-Stausee, im malerischen Panorama der Beskiden. Danach ging es in das Salzbergwerk Wieliczka (dt. Groß Salze) in der NĂ€he von Krakau (seit 1978 in die Weltkulturerbe der UNESCO), wo eine Salzsiederei aus der Zeit von ca. 3.500 Jahre vor Christus nachweisbar ist und wo seit der Mitte des 13. Jahrhunderts Salz unterirdisch abgebaut wird. Dementsprechend ging es mehrere hundert Meter unter die Erde, wo unendliche, labyrinthartige GĂ€nge immer wieder von riesigen unterirdischen SĂ€len unterbrochen werden, in denen wundersame, im Salz gehauene Skulpturen und Kunstwerke die Besucher regelrecht ins Staunen versetzen. Den Tag beendeten wir beim gemeinsamen Abendessen im „Restaurant „Goƛciniec FloriaƄski” in der Altstadt von Krakau.

Tags darauf verließen wir das Hotel Royal, Krakau und Kleinpolen und begaben uns nach Schlesien. Unterwegs besichtigten wir die noch in Kleinpolen liegende Kalwaria Zebrzydowska, wo seit 1600 auf dem Berg Zarek eine kleine Heilig-Kreuz-Kirche nach dem Vorbild der Golgota-Kapelle zu Jerusalem und weitere vom Heiligen Land inspirierte Objekte (Golgatha, Ölberg, Fluss Cedron und 40 malerisch auf den umliegenden HĂŒgeln und im Cedron-Tal verstreut liegende Kapellen) zahlreiche Besucher und Wallfahrer anlocken. Weiter ging es am Geburtshaus vom Papst Johannes Paul II. in Wadowice vorbei nach Bielitz-Biala. Die heutige Doppelstadt bilden die zwei einst in verschiedenen LĂ€ndern liegende GrenzstĂ€dte Bielitz und Biala, die vom Grenzfluss Bialka und der Reichgrenze voneinander getrennt waren. Überhaupt ĂŒberquerten wir an diesem Tag zahlreiche regionale und historische Grenzen, wie die Grenze zwischen Kleinpolen und Schlesien, Galizien und Österreichisch-Schlesien, die Abstimmungsgrenze von 1921, die Grenze zwischen Deutschland und Polen (1922-1939), Preußen und Österreich-Ungarn (1772-1918) oder Römisch-Deutsches-Kaiserreich und Königreich Polen (bis 1772). Gerade als Reisender wird man sich angesichts all dieser Grenzen und der mit ihnen verbundenen Behinderungen jeder Reise, der Großartigkeit der Idee einer grenzfreien EuropĂ€ischen Union bewusst! In Bielitz-Biala besichtigten wir neben der Altstadt mit dem Ring und der Pfarrkirche, das neu renovierte Schloss der FĂŒrsten SuƂ­kowski in Bielitz, einer prĂ€chtigen Adels­residenz aus dem 19. Jahrhundert, in der jedoch auch noch Spuren der mittelalterlichen Burg der Herzöge von Teschen sichtbar sind. Von Bielitz-Biala aus ging es nachmittags weiter nach Tichau. Hier besichtigten wir die einstige fĂŒrstliche Brauerei und das moderne Brauereimuseum, in dem die Geschichte der seit 1629 funktionierenden Brauerei auf sehr zeitgemĂ€ĂŸe und anschauliche Art, die sowohl Jung als auch Alt anspricht, prĂ€Tichausentiert wird. Krönung des Brauereibesuches war die Bierverkostung, bei der jeder Reiseteilnehmer einen halben Liter des leckeren und inzwischen weltweit erhĂ€ltlichen „Tyskie“-Bieres genießen konnte. Von Tichau aus ging es direkt in die Heimat, nach Neustadt/OS, wo wir wieder im Hotel Oaza ĂŒbernachteten.

Am darauffolgenden Freitag begaben sich einige Reiseteilnehmer auf Privatfahrten in ihre Heimatdörfer oder zu Verwandten und Freunden. Die anderen Teilnehmer besichtigten wĂ€hrenddessen am Vormittag gemeinsam das Kriegsgefangenenlager im Lamsdorf, wo Kriegsgefangene des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871, des Ersten Welt­krieges (1914/18), des Zweiten Welt­krieges (1939/45) und der Nachkriegszeit (1945/46) eingesperrt waren. Rund 50.000 GrĂ€ber im Lager Verstorbener und Getöteter zeugen vom Ausmaß dieses bedrĂŒckenden Ortes und von den dunkelsten Zeiten der jĂŒngeren Geschichte Mitteleuropas. Hier wurde auch das moderne „Zentrale Museum der Kriegsgefangenen in Lamsdorf und Oppeln“ besichtigt, in dem neben den Ausstellungen und Informationen zu der Zeit 1870-1945, seit kurzem auch eine neue Sonderausstellung zu den Geschehnissen der Nachkriegszeit, in der hier deutsche Zivilisten von polnischen Behörden eingesperrt und in großer Zahl umgebracht wurden, gezeigt wird. Von Lamsdorf aus ging es zurĂŒck nach Neustadt/OS, wo unser ortsansĂ€ssiger Vereinskollege Marcin Domino uns durch die neurenovierte Villa des Industriellen, Diplomaten, MĂ€zens und persischen Konsuls, Hermann FrĂ€nkel (*1844+1901), fĂŒhrte. Am Nachmittag begann dann im Hotel Oaza die schon traditionelle Wiedersehensfeier, zu der die Historische Kommission geladen hatte. Es erschienen zahlreiche in Polen wohnende Mitglieder unseres Vereins, ReprĂ€sentanten der einheimischen deutschen Bevölkerung Schlesiens, Vertreter der StĂ€dte und Gemeinden des Kreises Neustadt, VorstĂ€nde befreundeter Institutionen und Vereine, sowie viele andere alte und neue Freunde und Bekannte. Es folgte eine schöne Feier, die vom Chor der Deutschen Minderheit aus Neudorf musikalisch untermalt wurde.

Am letzten Reisetag fuhr unsere Reisegesellschaft in Richtung Cosel. Unterwegs wurde zunĂ€chst die in der NĂ€he von Kostenthal liegende Schrotholzkirche St. Brixen aus dem 17. Jahrhundert besichtigt. Der ortsansĂ€ssige Herr Gorzalla stellte uns dabei die Feld- und Wallfahrtskirche vor, die an Stelle einer wundertĂ€tigen Quelle errichtet-, und deren VorgĂ€ngerbau bereits 1594 urkundlich erwĂ€hnt wurde. Weiter ging die Fahrt nach Klodnitz, wo wir im dortigen Binnenhafen das Schiff „Silesia“ bestiegen und bei angenehmen GleiwitzKanalsommerlichen Temperaturen eine ca. dreistĂŒndige Schifffahrt auf dem Gleiwitzer Kanal unternahmen. WĂ€hrend dieser Fahrt passierten wir drei Schleusen, an denen wir einen Höhenunterschied von ĂŒber 20 Meter bewĂ€ltigten, sowie den sog. „Siphon“, an dem das FlĂŒsschen Klodnitz den Gleiwitzer Kanal unterirdisch quert. Nach StĂ€rkung mit leckeren GrillwĂŒrstchen, Krupniauki (Schlesische Graupenwurst) und kĂŒhlem Bier, verließen wir das Schiff bei Plawniowitz, wo und bereits Pfarrer Dr. Christian Worbs erwartete. Er fĂŒhrte uns durch das beeindruckende, in den letzten beiden Jahrzehnten vorbildlich instPlawniowitzandgesetzte Schloss der Grafen von Bellestrem. Nach der Besichtigung konnten die Reiseteilnehmer ihre ReiseeindrĂŒcke der letzten Tage bei entspannten SpaziergĂ€ngen im schönen Schlosspark nochmal Revue passieren lassen. Den Abschluss dieser 12. Studienfahrt bildete ein gemeinsames Abendessen in der originalrenovierten und geschmack- und stillvoll eingerichteten Villa in WiegschĂŒtz bei Cosel, die der Handelsrat und Philosoph Marc Heymann im Jahre 1871 erbaute.WiegschuetzAm Sonntag nach dem FrĂŒhstĂŒck verließen wir Schlesien mit dem Versprechen wieder zu kommen. Damit ging die 12. Studienfahrt, bei der der Wettergott unser Programm besonders berĂŒcksichtigte (Regen nur wĂ€hrend des Besuches im Salzbergwerk Wieliczka, im Kriegsgefangenenlager Lamsdorf und wĂ€hrend der RĂŒckreise, ansonsten schönstes Sommerwetter), mit Hinterlassung von zahlreichen Impressionen und EindrĂŒcken erfolgreich zu Ende.

Text: Andreas Smarzly
Fotos: Ralph Wrobel